Proteste im Iran: “Die Menschen gehen nicht mehr nach Hause”


Interview

Stand: 27.10.2022 22:40 Uhr

in dem Tägliche Themen– Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Ebadi erläuterte in einem Interview, was die öffentlichen Proteste in ihrem Land von früheren Umsturzversuchen unterscheidet und welche Rolle Frauen dabei spielen.

Tägliche Themen: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder aus Ihrer Heimat Iran der letzten Wochen – vor allem gestern – gesehen haben?

Schirin Ebadi: Einerseits bin ich stolz auf die Jugend des Iran, die sich tapfer der Gewalt und Unterdrückung durch das Regime widersetzt, und andererseits bin ich sehr traurig und besorgt über die Menschen, die dort sterben und inhaftiert sind.

Über: Shirin Ebadi

Der iranische Menschenrechtsaktivist Sie war die erste muslimische Frau, die 2003 den Friedensnobelpreis erhielt. Im Jahr Die 1947 geborene Juristin war eine der ersten Iranerinnen, die nach ihrem Studium in Teheran zur Richterin ernannt wurde. Ihren Job musste sie nach der islamischen Revolution aufgeben. Seitdem ist sie als Rechtsanwältin tätig und setzt sich besonders für Kinder- und Frauenrechte ein. Ebadi lebt seit Ende 2009 im britischen Exil.

Tägliche ThemenSie haben muslimischen Frauen Ihren Friedensnobelpreis verliehen. Frauen skandierten „Frauen, Leben, Freiheit!“ bei Protesten nach dem Tod von Mahsa Amin. Wir sehen sie führen. Warum diesmal? Woher haben Frauen diesen Mut?

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Ebadi: Nach der Revolution von 1979 wurden viele diskriminierende Gesetze gegen die Interessen von Frauen erlassen und Frauen im Namen des Islam alle Rechte verweigert. Vom ersten Tag an leisten Frauen Widerstand und kämpfen gegen dieses Regime.

Anfangs haben politische Parteien und Männer den Frauenkampf im Iran nicht unterstützt, weil wir damit beschäftigt waren, den amerikanischen Imperialismus zu bekämpfen. Wenn wir den Imperialismus besiegen, sind es die Rechte der Frauen. Dann wurden im Laufe der Jahre viele Männer im Iran unterdrückt, eingesperrt und getötet. Und die Menschen haben verstanden, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.

Dafür kommen Menschen zusammen. Das Ergebnis ist nun diese neue Einheit, diese neue Bewegung. Und dort sieht man Männer und Frauen zusammen. Frauen standen in den letzten 43 Jahren bei jedem Protest an vorderster Front.

Tägliche Themen: Im Iran kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Demonstrationen und Protesten – immer brutal niedergeschlagen. Warum sollte es diesmal nicht so sein?

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Ebadi: Bei den bisherigen Protesten gab es immer andere, konkrete Forderungen – deshalb beteiligte sich nur ein Bruchteil der Menschen an der Demonstration. Aber jetzt ist die Frage des Volkes eine politische Frage, was sie wollen, ist der Sturz dieses Regimes. Sie sind zusammen und zusammen.

Früher war das anders. Nachdem das Regime sie gedemütigt und unterdrückt hatte, gingen die Menschen nach Hause. Aber jetzt gibt es im Iran mehr als 100 Städte und die Menschen sind seit mehr als 40 Tagen auf der Straße – und die Repression nützt dem Regime nichts. Deshalb unterscheiden sich diese Einwände. Und ich hoffe, dass es zu den Ergebnissen führt, die die Leute wollen.

Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, sagt, die einzigartige Natur der aktuellen Proteste im Iran sei, dass sie „den Sturz dieses Regimes wollen“.

Tagesthemen 22:15 Uhr, 28.10.2022

Tägliche Themen: Er sagte, es sei nicht möglich, dieses Regime zu reformieren. Dann kann es nur noch ein Staatsstreich sein – gibt es überhaupt die Möglichkeit eines friedlichen Machtwechsels?

Ebadi: In den letzten 43 Jahren wurden alle Wege der Reformation ohne Ergebnis versucht. Daher muss es einen Regimewechsel geben. Ich hoffe, das Regime ist vernünftig genug, um sicherzustellen, dass die Menschen nicht nach Hause zurückkehren und dass das Regime auf die Menschen hört und die Waffen niederlegt.

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Tägliche Themen: Wir sehen Zehntausende auf den Straßen, die gegen das Regime protestieren, aber es gibt auch Unterstützer. Wie groß ist ihr Anteil?

Ebadi: Natürlich hat das Regime auch Unterstützer. Dies sind die Nutznießer des Regimes im Laufe der Jahre. Bei allen durchgeführten Wahlen erhielten die Unterstützer maximal 15 Prozent der Stimmen.

Tägliche Themen: Gestern forderte der deutsche Außenminister mehr Sanktionen, etwa mehr Einreisebeschränkungen. Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Ebadi: Es ist gut, aber nicht genug. Das iranische Volk fordert, dass revolutionäre Standards in das Terrorregister aufgenommen und sanktioniert werden. Die Menschen wollen, dass die Dinge so sind, wie sie unter Putin und seinem Gefolge waren. Die Konten von Khamenei und seinen Anhängern sollten ebenso eingefroren werden, wie ihre Gelder eingefroren wurden.

Hausarrest, Gefängnis: Der lange Kampf der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi

Griet von Petersdorff, RBB, Tagesthemen 22:15 Uhr, 28.10.2022

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