„Es braucht mehr Reflektion, wer über und für die Wissenschaft…

Berlin – Die Corona-Pandemie hat auch der breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für den Alltag sein können. Allerdings ist es nicht immer einfach, die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung gut zu kommunizieren.

Deshalb wird Wissenschaftskommunikation immer wichtiger. Im Interview mit verrät Ricarda Ziegler, was es damit auf sich hat, wie gut Öffentlichkeitsarbeit sein kann und ob alle Forschenden auch den Kontakt nach außen suchen sollten Deutsche Ärztezeitschrift (DE).

Der Politikwissenschaftler leitet die Abteilung Qualität und Kommunikation bei Wissenschaft im Dialog, einer Organisation für Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Als Projektleiter ist Ziegler auch für das regelmäßig recherchierte Wissenschaftsbarometer verantwortlich.

5 Fragen an Ricarda Ziegler, Wissenschaft im Dialog

Deutsches Ärzteblatt: Wie ist der aktuelle Stand der Wissenschaftskommunikation?

Ricarda Ziegler: Betrachtet man die Wissenschaftskommunikation in Deutschland auf struktureller Ebene, so gibt es mittlerweile in fast allen Wissenschaftseinrichtungen, Universitäten oder Forschungsinstituten Personen oder Gruppen, die für dieses Thema zuständig sind.

Dementsprechend vielfältig sind die Akteure und Rollen auch in der Wissenschaftskommunikation, in der Wissenschaft oder auf journalistischer Seite in Deutschland.

Es gibt auch „freie Kommunikationswissenschaftler“ oder Wissenschafts-Influencer, die sowohl analoge als auch digitale Formate gestalten.

In ihrer Umsetzung sehen wir auch eine gewisse Professionalisierung in vielen Bereichen der Wissenschaftskommunikation. Aufgrund dieser Differenzierung ist es auch wichtig, den Unterschied zwischen inhaltlicher Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bzw. Marketing für Wissenschaftseinrichtungen zu sensibilisieren.

Auf der inhaltlichen Ebene geht es neben der reinen Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen zunehmend auch um die Vermittlung von Methoden, Verfahren oder Werten der Wissenschaft.

Um unterschiedliche Ziele zu erreichen, findet bereits eine Kombination verschiedener analoger Formate vor Ort in Hochschulen und Instituten statt, wie Tage der offenen Tür, lange Wissenschaftsnächte, beispielsweise als Aktionen für Familien mit Kindern.

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Auch in den sozialen Medien findet wissenschaftliche Kommunikation statt. TikTok oder Instagram erreichen eher Teenager und junge Erwachsene, die sich dort aufhalten und Informationen konsumieren. Und sie braucht auch Raum für Wissenschaftsjournalismus und kritische Berichterstattung als Außenbeobachtung von Wissenschaft und Forschung.

Eine weitere wichtige Frage ist, welche Teile der Gesellschaft durch diese unterschiedlichen Formen der Wissenschafts- und Forschungskommunikation erreicht wurden und welche nicht und wie dies in Zukunft geschehen kann und soll.

DE: Wie viel Vertrauen haben Wissenschaftler in die Gesellschaft und welchen Einfluss hat die Pandemie hier?

Ziegler: Mit unserer repräsentativen Bevölkerungsbefragung „Wissenschaftsbarometer“ erheben wir regelmäßig das Vertrauen der Menschen in Wissenschaft und Forschung. Etwa 50 Prozent der Befragten gaben zwischen 2017 und 2019 an, dass sie wissenschaftlicher Forschung vertrauen.

Das Vertrauen der Bevölkerung in Wissenschaft und Forschung war zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 mit bis zu 73 % besonders hoch. Auch das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung ist im Herbst 2020 auf rund 60 Prozent gesunken.

Im Wissenschaftsbarometer fragen wir auch nach dem Vertrauen in die Aussagen von Wissenschaftlern zum Coronavirus und stellen fest, dass ihnen, Ärzten und medizinischem Personal mehr vertraut wird als anderen Akteursgruppen, etwa Medienvertretern oder Politikern.

Auf die Frage, warum man Forschern vertraue, wurde auch deutlich gemacht, dass die Expertise und Integrität von Wissenschaftlern wichtige Faktoren seien. Misstrauen entsteht eher bei Fragen nach (finanziellen) persönlichen Forschungsinteressen oder dem Einfluss von Wirtschaft oder Politik auf die Forschung. Schwierig wird es, wenn nicht klar ist, welche Motivationen und Interessen Wissenschaft und Forschung antreiben.

DE: Was bedeutet das konkret für die Wissenschaftskommunikation?

Ziegler: Wissenschaftskommunikation hat im Kontext der Pandemie vielerorts gut funktioniert, aber ich würde ihr nicht sofort die höchsten Vertrauenswerte zusprechen. In der anfänglich unsicheren Situation konnten Wissenschaft und Forschung Wissen und Orientierung bieten. Anfangs hatte auch die Politik ein hohes Maß an Vertrauen, das jedoch schnell wieder abfiel.

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Viele Formen der öffentlichen Kommunikation aus Wissenschaft und Forschung versuchen seit Beginn der Pandemie auch, über Prozesse, Werte, Unsicherheiten und Vorwissen zu kommunizieren. Das ist oft gut gelungen.

Allerdings bin ich etwas skeptischer als viele andere Kolleginnen und Kollegen bei der Frage, ob es uns gelungen ist, das Verständnis der breiten Öffentlichkeit für Wissenschaft und Forschung zu beeinflussen und allgemeine Methoden- und Prozesskompetenz zu schaffen. Die entsprechende Forschung bleibt hier abzuwarten.

Insgesamt bedarf es aber eines größeren Verständnisses in der Bevölkerung dafür, was wissenschaftliche Erkenntnisse eigentlich sind, wie sie entstehen und wie sich Wissenschaft von Erfahrungswissen und Wertvorstellungen in der Bevölkerung oder von politischen Entscheidungen abgrenzt.

DE: Was macht gute Wissenschaftskommunikation aus und sollten alle Wissenschaftler den Dialog mit der Öffentlichkeit anstreben?

Ziegler: Für eine gute Wissenschaftskommunikation ist es wichtig, sich zunächst zu fragen, welches Ziel man verfolgt. Ziele können beispielsweise sein, Interesse und Faszination für ein Forschungsgebiet zu wecken, Inhalte und Wissen zu vermitteln, das Vertrauen in die Wissenschaft zu fördern oder eine Verhaltensänderung zu wünschen.

In einem zweiten Schritt sollten Sie überlegen, ob Sie das Ziel in einem bestimmten Format für die entsprechenden Zielgruppen realistisch erreichen können. Hier können Sie Erfahrungswissen, Evaluationsergebnisse oder Recherchen zur Wissenschaftskommunikation einbeziehen, um zu prüfen, ob es das richtige Format für den richtigen Zweck bei der angestrebten Zielgruppe ist. Die Frage nach dem richtigen oder besonders wichtigen Ziel ist aber auch eine normative oder politische Frage.

Ich würde auch nicht sagen, dass jeder Wissenschaftler mit der Außenwelt kommunizieren sollte. Dies sollte jedoch auf höheren Ebenen angesiedelt werden, also in Instituten, Arbeitsgruppen oder Förderprogrammen.

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Das Ziel kann nicht sein, mehr Kommunikation über alle Kanäle zu haben und dann kommt nichts durch. Ich bin jedoch der Meinung, dass sich jeder Wissenschaftler während einer wissenschaftlichen Karriere überlegen sollte, ob, wann und wie er eigentlich kommunizieren sollte. Dies kann auch zu dem Schluss führen, dass wir derzeit nicht öffentlich kommunizieren sollten.

Ich denke, die Wissenschaft braucht auch mehr Reflexion darüber, wer für und über die Wissenschaft sprechen darf, kann und soll. Allerdings nicht in dem Sinne, dass manche sich nicht mehr äußern dürfen, sondern bewusst zu entscheiden, wer wann in welchen Kontexten und zu welchen Themen sprechen darf. Auch für den Journalismus wäre es wichtig, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Themen zu Wort kommen zu lassen, in denen sie über zentrale Expertise verfügen.

DE: Muss Wissenschaft immer neutral bleiben oder darf sie auch in gesellschaftspolitischen Debatten Partei ergreifen?

Ziegler: Laut Wissenschaftsbarometer 2021 wünscht sich die Hälfte der Befragten von der Wissenschaft Empfehlungen für sinnvolle Politikentscheidungen. Dieser Erwartung muss sich die Wissenschaft bewusst sein, auch wenn sie ihr nicht gerecht werden kann. Viele Forscher haben sich in der Corona-Pandemie so positioniert, dass dies nicht ihre Aufgabe ist, sondern dass bereits jemand in den politischen Entscheidungsprozess eintritt.

In vielen Fällen ist es nicht möglich, eine Entscheidung vorzuschlagen, aber neben Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist es möglich, mögliche Konsequenzen oder Szenarien aus wissenschaftlicher Sicht zu erläutern, beispielsweise wie die Ergebnisse bestimmter Entscheidungen aussehen werden.

Viele Akteure der Wissenschaftskommunikation betonen, wie weit wissenschaftliche Expertise reicht und was die Aufgabe wissenschaftlicher Politikberatung ist und ab wann die Aufgabe der Politik in einem demokratischen System ist, Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, aber auch unter Abwägung gesellschaftlicher Erwartungen und Werte zu treffen . © cmk/aerzteblatt.de

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